Klavierkonzert: Elena Camarena

Ein kraftvoller und ausdrucksstarker Abend

Elena Camarena (Konzertflügel) und Horst Peters (Rezitation) im „Alten Pfarrhaus“

(Steyerberg) pvb. Im 15.Jahr seines Bestehens lud KulturImpuls wieder zu einem besonderen Erlebnis ins atmosphärische „Alte Pfarrhaus“ ein. Zu Gast waren die international bekannte mexikanische Pianistin Elena Camarena sowie der Rezitator Horst Peters. Gemeinsam gestalteten sie den Abend mit Musik und Wort.

Der musikalische Teil mit Elena Camarena begann mit den „Vier Impromtus op.90“, dem D 899, die 1827 entstanden sind und stark an den Aufbau einer Sonate erinnern. Die Nr. 1 ist eine im Erzählgestus und Marschduktus gehaltene Ballade mit volksliedhaftem Thema. Fast von Chopin könnte die Nr. 2 stammen, mit einem ritterlich gehaltenen Mittelteil. Als herrliche Liedweise verströmt sich in großen Werten die Nr. 3, mit unterem zweistimmigem Tenor- und Bass, es endet mit in Wallung kommendem Bass im dreistimmigen Gewebe als dramatische Bewegung. Die Nr. 4 erinnert an Wasserspiele, was dem Ganzen eine glitzernde Leichtigkeit verleiht und es zum schwersten der Vier Impromptus macht. Nach der Pause erklangen von Johannes Brahms „Vier Intermezzi aus op.118, sie sind den letzten Klavierstücken des Komponisten entnommen und charakterisieren sich als Lebens-Monologe, Rückblick auf Eigenes und Vorausschau auf Kommendes. Wuchtig und stürmisch in aufrollenden Basswogen kommt das 1. Intermezzo daher, beim 2. Stück umfängt dem Zuhörer Innigkeit und Herzlichkeit, mit liedhaftem Thema führt es zu Gefühlsaufschwüngen, als kontrapunktisches Juwel kommt der schwebende Mittelteil. Das letzte Intermezzo erscheint als Appell, als Anrufung aus fernen Zeiten, Mahnung und Vergänglichkeit, eine meisterhafte Wehklage.

Schließlich erklang „die Klaviersonate“ schlechthin: Beethovens „Appassionata“, die alle Rahmen des Ausdrucks sprengt. Das Heroische dieser Sonate kam der damaligen bürgerlichen Gesellschaft gefühlsmäßig entgegen, so entstand Silchers Bearbeitung des 2. Satzes für Männerchor „Heilige Nacht, oh gieße du“. Im ersten Satz wird Klangfarbe erstmals zum thematischen Element. Irritierende Momente sorgen für Spannung und Entwicklung bis hin zu Stürmen in der Durchführung.

Im 2. Satz wird die idyllische Weise viermal variiert um dann durch einen einfallenden Akkord dem Träumen ein jähes Ende zu bereiten. Das Finale dieser großen Sonate ist wie ein Perpetuum mobile. Die wellenförmige Bassfigur ist bestimmend, sowie Begleitung und Thema zugleich. Am Ende steigert sich die gezügelte Bewegung in Entfesselung und endet dann übersteigernd mit dem Hauptthema zu einem wilden Schluss.

Sinnvoll verwoben wurde die Musik mit einem Text des jugoslawischen Nobelpreisträgers Ivo Andric sowie der neuseeländischen Autorin Katherine Mansfield. Horst Peters legte anfänglich dar, dass Musik jegliche Art von Schwingung ist, dass wir und diese Welt daraus bestehen, also auch das gesprochene Wort, und diese als Komposition angesehen werden muss, und sich somit Musik und Wort ergänzen. Die Erzählung „Worte“ von Andric rahmte in zwei Abschnitten die Schubert Sonate ein. Ein Schwall von inhaltslosen Worten in einem Zug zwingt den Akteur sich der Wirklichkeit gedanklich zu entziehen, so entsteht eine Rückbesinnung auf ein Ehepaar, dass zeitlebens nur das nötigste miteinander gesprochen hat – der Rest war Schweigen. Andric malt dabei wie Musik Inhalte und Gefühle aus. Die 2 mal 10 Minuten kamen in einer ZDF/Deutschland-Radio-Kultur Produktion zugespielt aus der Stiftskirche im Kloster Loccum. Man kam damit den kranken Stimmbändern des Interpreten entgegen. Im 2. Teil sprach Horst Peters jedoch live. Mansfield-s Erzählung über eine ältere Person, die sich Musik und Leben mit einem Kanarienvogel teilte, geriet dabei fast zu einem monologischen Theaterstück und wurde glänzend interpretiert.

Ein Abend mit großartigen Künstlern und einem wundervollen Programm. Elena Camarena“s Klavierspiel war anzuhören, dass sie zu den großen Interpreten und Pädagogen des Klaviers auf internationalem Parkett zählt. Sie meisterte alle musikalischen Anforderungen und Schwierigkeiten grandios und meisterlich. Auch der Rezitator Horst Peters bewies erneut sein internationales Ansehen, er agierte schauspielerisch mit der Sprache wie ein Musiker, sodass sich Musik und Sprache wunderbar zu einer inhaltlichen Einheit verbanden.

Auch der Ehemann von Frau Prof. Elena Camarena, Prof. Friedemann Kessler – beide über viele Jahre auf dem amerikanischen Kontinent beheimatet-, war im Publikum anwesend. Beide sind mit Horst Peters und dem Techniker Frank Worbs in bester Freundschaft nunmehr seid 25 Jahren verbunden, und somit auch dem internationalen Steyerberger Tonträger-Label.

Für Rundfunk-Sendezwecke wurde erneut in Steyerberg mitgeschnitten, was wiederum eine besondere Auszeichnung darstellt. Allerdings hätte solch eine hochrangige Veranstaltung einige mehr Besucher verdient.

Nach einem kleinen musikalischen „Gute-Nach-Kuss“ entließ man die Zuhörer aus dem atmosphärisch hergerichteten Alten Pfarrhaus ins pralle Leben.