Der Fall Erna Wazinzki

Der Fall Erna Wazinzki

Lebendiger Geschichtsunterricht mit KulturImpuls

 (Steyerberg) pvb.   Im Rahmen der Jugendarbeit des Steyerberger KulturImpuls versammelten sich vor einigen Tagen im Ev. Gemeindehaus zu einem Geschichtsunterrichtstag besonderer Art ca. 30 Schüler der Hauptschule Steyerberg. Rezitator Horst Peters berichtete in einem Live-Hörbild mit technischer Unterstützung über den Fall des jungen Mädchens Erna Wazinzki aus dem Jahr 1944, passiert in Braunschweig. Die Schüler, die im Unterricht das NS-Regime bereits behandelt hatten, waren sehr wissbegierig etwas über das tägliche Leben von jungen Menschen in einer Diktatur zu erfahren, noch dazu in einem Krieg, der auch das eigene Land zerstörte.

Das Haus in dem die Familie des jungen Mädchens damals lebte, wurde im Oktober 1944 bei einem Bomben-Angriff zerstört. Erna hob ein paar Kleidungs- und Schmuckstücke auf, die ihrer Ansicht nach ihrer Mutter gehören mussten. Sie wurde wegen Diebstahls angezeigt, obwohl etliche Stücke des vermeintlichen Diebstahls nachweislich ihrer Mutter gehörten. Sie wurde wenige Tage später verhaftet und vom Sondergericht Braunschweig wegen Plünderung als sogenannter „Volksschädling“ zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung erfolgte am 23.Nov. 1944 mit dem Fallbeil im Gefängnis Wolfenbüttel, einige Wochen später, gegen Ende April 1945 war der 2. Weltkrieg beendet.

Horst Peters, mit technischer Unterstützung des Tontechnikers Frank Worbs, beschrieb diese Zeit sehr genau, man erfuhr etwas über die sogenannten Ermittlungen, die eigentlich keine waren. Die jungen Leute mussten zur Kenntnis nehmen, dass bei der Urteilsfindung auch in die Privatsphäre des jungen Mädchens sehr genau geschaut wurde. So war u.a. ein Punkt, dass sie mehrfach die Schule geschwänzt hatte, und sich mehrfach auf ihrer späteren Arbeitsstelle krank gemeldet hatte, auch das sie vorrübergehend in einem Heim untergebracht war wurde negativ aufgelistet.

Erna Wazinzki ist ein typisches Beispiel für ein sogenanntes „ganz normales Leben“ in der damaligen Zeit, insgesamt gab es in der NS-Zeit etwa 32.000 Fälle dieser Art. Zum Gedenken an die vielen Opfer, die auch jeden anderen normalen Bürger hätte treffen können, entstand dieses Hörbild. Diese Produktion für den WDR wurde vom Steyerberger Studio vor einigen Jahren mit Schülern für eine Livedarbietung bearbeitet.

Es wurde sehr schnell den jungen Leuten klar, dass diese Normalität eines Verbrecherstaates dem jungen Mädchen zum Verhängnis und Schicksal wurde. Erschüttert verfolgten die Schüler die beamtenmäßige sekundengenaue Niederschrift der Hinrichtung in Wolfenbüttel.

In den 60ziger Jahren versuchte die Familie der Erna Wazinzki dieses Urteil für Unrecht erklären zu lassen und das Todesurteil aufzuheben. Der Antrag wurde abgelehnt, das Urteil wurde erneut bestätigt. Und so wurde das junge Mädchen von einem bundesdeutschen Gericht noch einmal zum Tode verurteilt. Interessant war für die Teilnehmer auch die Tatsache, dass alle Beteiligten am damaligen Sondergericht in unserer demokratischen Gesellschaft in Amt und Würden, wie Gerichte, Kirchen usw. saßen, ein Beteiligter gehörte auch dem jetzigen Gericht wieder an. Und so war man schnell in der Diskussion bei den Anfängen der späteren BRD angelangt, dessen Folgen bis heute spürbar sind.

Diese etwa 2 mal 45 minütige Darbietung wurde als lebendiger Geschichtsunterricht erlebt, was mit einigen Frühstückspausen bis mittags zu einer regen Diskussion und Anmerkungen sowie wertvollen Gedankengängen führte.

Allen Teilnehmern war klar, dass unsere Demokratie durch demokratisches und humanes Miteinander geschützt werden muss. Unsere Gegenwart zeigt gerade wieder, wie durch Medientechnik diese Grund- und Menschenrechte verletzbar sind und auch wir alle, durch teilweise unbedachte Nutzung dieser, unsere eigene menschliche Freiheit einengen oder gar zerstören.

Horst Peters verriet den Schülern noch, wie man auch schon als Jugendlicher an der demokratischen Gestaltung dieser Gesellschaft teilhaben kann. Nachdenklich aber auch positiv froh ging man mittags auseinander mit dem inneren Gedanken an etwas menschlich Wichtiges und Wertvolles teilgenommen zu haben um die eigene Zukunft zu gestalten.

Dieser besondere Schultag erhielt Unterstützung vom Bundesfamilienministerium aus dem Programm „Toleranz fördern-Kompetenz stärken“ über das Weser-Aller-Bündnis.

Mit der Schule in Steyerberg wurden weitere zukünftige Projekte und Zusammenarbeiten abgesprochen und vereinbart.